Nach einem angenehmen Ruhetag in Burnie machen wir uns auf den Weg in den wilden Nordwesten von Tasmanien. Und wenn ich „wild“ sage, dann meine ich wild. Im verschlafenen Ort Corinna gibt es ein paar Häuschen, ein uriges Pub, eine Rollfähre über den Pieman-River und sonst nicht viel – außer Natur und Wildnis. Davon aber jede Menge. Zum ersten Mal in meinem Leben betrete ich einen Regenwald. Und komme aus dem Schauen, Hören, Riechen und Staunen gar nicht mehr raus. Einenhalb Stunden, das ist die Zeit, die für den Walk, den wir uns eher zufällig aussuchen, veranschlagt ist – und dreienhalb Stunden später haben wir eine Welt durchwandert, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte.
Ein Zauberwald liegt auf beiden Seiten des engen, verschlungenen Pfades, dick bemooste Baumriesen schauen auf gigantische Farne herunter, ein Summen liegt in der Luft, immer wieder durchbrochen von den Rufen diverser Vögel. Nach einiger Zeit erreichen wir ein Flussufer mit einer Aulandschaft, die im Licht des späten Nachmittags glänzt, hin und wieder blubbert es ein wenig – ein Platypus vielleicht? Gesehen haben wir diese bizarre Kombination aus Riesenente, Biber, gemischt mit allem, was die Evolution offenbar unter „hamma scho, brauch ma ned“ noch übrig hatte, schon gestern im Rhododendrongarten von Burnie. Was da heute immer wieder an der Wasseroberfläche plätschert bleibt uns leider verborgen.
Alle paar Meter bleibe ich stehen, überall gibt es Pflanzen zu sehen, die ich – soweit ich mich erinnern kann – noch nie gesehen habe. Ich erinnere mich an eine Universum-Folge über den Regenwald und kann es kaum fassen, dass ich jetzt gerade mitten drin bin. In 3D, mit Dolby Surround Sound und einer Grafik, die fast schon übertrieben scheint. Muss mich selber immer wieder daran erinnern, dass das alles echt ist, kein Fernsehen, kein Computerspiel, keine Kulisse. So ist es, wenn die Natur Natur sein darf und der Mensch nicht dazwischenpfuscht.
Mittlerweile ist es Nacht draußen, die Vögel, Bäume und Farne schlafen wohl schon, ganz im Gegensatz zu den nachtaktiven Beuteltieren, die neugierig zu den paar bewohnten Häuschen wie dem unsrigen hoppeln. Vor ein paar Minuten durften wir die Bekanntschaft mit einem Poussumweibchen samt Jungem auf dem Rücken machen, das auf unserem Balkon vorbeigeschaut hat, um Futter abzustauben. Keine Spur von diskret und schon gar nicht scheu sitzt es frech auf dem Balkongeländer, keinen halben Meter entfernt, und blinzelt mich an. Die recht ansehnlichen Krallen rufen mir den vor ein paar Tagen gehörten Satz „Never trust anything that’s wild“ in Erinnerung. Also rein ins Haus und Türe zu – durch die Fensterscheibe ist noch immer besser als Universum und die Natur darf draußen in der Nacht ganz alleine Natur sein.
